Kapitel 5
Die Weisheit alter Hochkulturen
(2) Die Mythen  

 

Die Mythen der Völker erzählen, wie einst alles entstand, sich entwickelt und wieder vergeht, um in einer höheren Qualität fortzubestehen. Mythen sprechen zwar in der verständlichen Form weltlicher Geschehnisse - es handeln Götter, Helden, Menschen und Tiere - Ihr tieferer Inhalt jedoch enthält Urweisheit, denn die Entwicklungsprozesse der Evolution werden überraschend präzise dargestellt.

Aus dem Studium der Mythen können wir gegenwärtige und zukünftige Chancen sowie Risiken der Entwicklung von Menschen, der Erde und des ganzen Universums ableiten. Wenn wir uns als Teil des Universums begreifen, spiegelt sich in dessen Ringen um Weiterentwicklung oft unser eigenes Schicksal wider. Dem Interessierten öffnen sich zunehmend tiefere Ebenen der Erkenntnis. Das Bewußtsein dehnt sich aus, der eigene Weg wird klarer und eventuelle Probleme können leichter gelöst werden.

Bekannte Mythen sind die indischen Veden (Wissen), daraus die Bhagavad-Gita, die griechische Ilias und Odyssee (Göttervater Zeus regiert vom Berge Olymp), die germanische Edda (Göttervater Odin regiert vom Berge Asgard) oder das jüdische alte Testament. All diesen indogermanischen Schriften gemeinsam ist die ehrfürchtige Haltung zu den im All wirkenden Kräften. Diese werden als Götter und Göttinnen verehrt, weil geistige Kräfte alle Erscheinungen in der materiellen Welt nach universellen Gesetzen lenken und leiten und mit dem irdischen Leben in ständiger Wechselwirkung stehen. Der stetige Wechsel von Chaos und Ordnung, die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung und die Bedeutung der Seele als Mittler zwischen Geist und Körper beim steten Ringen um das Gleichgewicht waren bekannt.

Unser Universum ging aus dem All hervor, dessen Natur unser Vorstellungsvermögen übersteigt. Das Universum wird in unserem germanischen Schöpfungsmythos als "Gap Ginnunga", als eine "stille Leere" beschrieben, die jedoch erfüllt ist von magischen Kräften. Andere Kulturen fanden Bezeichnungen wie "Reiner Geist", "Großer Gott", "Reines Ki" oder "Unbenanntes Tao" für den Ursprung allen Seins. Es ist ein unendlich großes und kreatives Potential, das alle Energiearten und Zustandsformen in sich vereinigt, unabhängig davon, ob diese für uns wahrnehmbar oder vorstellbar sind.

Der erste Zustand unseres Sonnensystems wird von den verschiedenen Kulturen als Urstoff aller folgenden geistigen, feinstofflichen und grobstofflichen Seins-Zustände betrachtet und mit Begriffen wie "geistig", "göttlich", "Ki", "benanntes Tao", "Prana", "universelle Lebensenergie" oder "Äther" bezeichnet. Unsere Vorfahren nannten es "Od" oder "Odem".

Als Beispiel für die Weisheit alter Hochkulturen wenden wir uns der germanischen Mythologie zu, da diese für die Kultur im deutschsprachigen Raum eine Schlüsselrolle spielt. Im germanischen Schöpfungsmythos wird die Entstehung unseres Sonnensystems wie folgt geschildert:

"Im ewigen Gap Ginnunga, dem Abgrund der Abgründe strömten, bevor die Welt geschaffen war, 12 Flüsse aus dem kalten dunklen Niflheim (Nebelheim) im Norden. Sie erstarrten zu Eis, das in Ginnungagap übereinander wuchs. Wörtlich heißt es:

" ... und wuchsen, bis ein Riese ward "

Aus dem heißen lichten Muspelheim (Ur-Feuer, Licht) im Süden flogen Funken herüber. Es entstanden Feuchtigkeit (Wasser) und Wind (Luft):

" dann stoben Funken aus der südlichen Welt, Und Lohe (Feuer) gab Leben dem Eis"

Der folgende Auszug aus dem Artikel "Die Planeten im Visier", erschienen in "bild der wissenschaft" Nr. 4 - April 1996 und beschreibt Bilder, die das Weltraumteleskop Hubble aus dem Universum sendete (Bild 22, Kapitel 2, Abschnitt 5). Die Parallelen mit der Völuspa sind erstaunlich:

"Für Aufsehen haben vor wenigen Monaten die Bilder gesorgt, die verschiedene Stadien der Sternentstehung zeigen. Vor allem die Gassäulen im "Adler-Nebel" M 16 im Sternbild Schlange beeindruckten durch das kunstvolle Wechselspiel von Licht und Form, das den - in Wirklichkeit über einen Zeitraum von vielen zigtausend Jahren ablaufenden - Prozeß der Sternentstehung optisch eindrucksvoll zeigt.
Da kann man zusehen, wie Eiszapfen kalter dunkler Materie im energiereichen Ultraviolettlicht junger heißer Sterne eines benachbarten Sternhaufens verdunsten und dahinschmelzen noch bevor in ihrem Inneren allzugroße Sterne wachsen konnten. Selbst die typischen Dampfwölkchen über dem Eis sind zu erkennen, denn an ihnen streut sich das Licht der dahinter liegenden Sterne"
(Bild 48).

Bild 48 Planetarischer Nebel M16 - eine Sternengeburtswolke

Schauen wir einmal, was die Alten über die Zukunft der Welt sagten. Ein großartiges Zeugnis unsere Mythologie ist die "Völuspa", ein Gedicht aus der Liederedda, dem älteren Teil der Edda. Eine Wölfa (Seherin) schildert mit ihrer Weissagung das Werden der Welt aus dem ewigen Urgrund, den Beginn des Wechselspiels von Chaos und Ordnung, die Herausbildung der Riesen, der Götter und der Menschen. Sie beschreibt die Geschehnisse auf unserer Welt bis zum Ende und weiter bis zur Erneuerung. Mit Ende und Neubeginn ist offensichtlich jeweils der Übergang in ein neues Erd-AWF gemeint mit dem Ergebnis einer höheren Qualität. Die zyklisch auftretenden Übergänge waren in der Vorzeit wesentlich heftiger, weil die Erde weniger AWF besaß und die Wechselwirkungen noch nicht so gut ausgleichen konnte wie in unseren Tagen. Es folgen einige ausgewählte Strophen mit nachfolgender Erläuterung:

Die Völuspa - Das Lied der Seherin

1 Um Gehöhr bitte ich alle heiligen Menschenkinder,
Hohe und niedere Söhne Heimdalls.
Du willst, daß ich, Walvater, genau das erzähle
Die alten Geschichten der Menschen, deren ich von Anfang gedenke.

2 Ich gedenke der Riesen, der früh geborenen,
Die einst mich erzeugt hatten,
Ich gedenke der neun Heime, der neun Binnenwohnungen,
Des herrlichen Maßbaumes bis hinab unter die Erde.

3 Der Beginn wars der Zeiten, in dem Ymir wohnte,
Nicht war Sand, noch See, noch kühle Wogen,
Erde gab es nicht, noch Himmel oben:
Ein Abgrund war der Abgründe, aber Gras nirgend.

4 Zuvor erhoben Scheiben Bors Söhne,
Die den herrlichen Midgard schufen.
Die Sonne schien von Süden auf des Saals Steine:
Da ward der Grund begrünt von grünem Kraute.

7 Die Asen trafen sich auf dem Idafelde
Die Altar und Tempel hoch aufbauten.
Sie legten Essen an, schmiedeten Gold,
Schufen Zangen und fertigten Geräte.

17 Bis drei kamen aus diesem Geschlechte
Mächtige und gütige Asen nach Hause;
Sie fanden am Lande die wenig vermögenden,
Schicksalslosen Ask und Embla.

18 Atem hatten sie nicht, noch Geist,
Noch Blut, noch Gebärde, noch gute Farben;
Atem gab Odin, Geist gab Hoener,
Blut gab Lothor und gute Farben.

Aus dem Chaos zwischen Niflheim und Muspelheim entstand der Urriese Ymir. Odin, Hönir und Lodur begründen das Göttergeschlecht der auf dem Idafelde wohnenden Asen. Zwischen den das Ordnungsprinzip verkörpernden Asen und den dem Chaosprinzip entsprechenden älteren Riesen gibt es oft Streit und Kämpfe.

Die Wölfa nennt neun Heime, die in drei Ebenen angelegt sind.

Mit diesen drei Ebenen sind Unterbewußtsein (Körper), Tagesbewußtsein (Seele) und Überbewußtsein (Geist) gemeint. Eine Übereinstimmung mit den neun Welten besteht in unserem Sonnensystem, denn es sind neun größere Planeten, die um die Sonne kreisen. Die Asenbrücke, die in den sieben Farben des Regenbogens leuchtet, verbindet Asgard mit Midgard und den übrigen Heimen. Zum Schutz Midgards vor den Riesen dienen ein Wall und ein Feuer (der rote Teil des Regenbogens):

" ... denn die Asenbrücke steht all in Lohe, Heilige Fluten flammen ..."

Odin entwickelte sich aus der Reihe der alten Götter des Nordens zum weisesten der Asen und zum höchsten Gott der germanischen Völker. Während seiner Entwicklung durchlief er mannigfache Wandlungen (53 Namen verdeutlichen seine verschiedenen Persönlichkeitsaspekte). Er ist der Walvater (Weltenvater), Herr von Walhalla (Himmel). Bei den Südgermanen hieß er Wotan. Nach ihm wurde der Mittwoch als Wodanstag benannt, später von den Christen zum mittleren Tag in der Woche, zum Mittwoch umbenannt, englisch noch heute Wednesday.

Die ersten Menschen, der Mann Ask (altsächsisch: Esche) und die Frau Embla (Eibe) bestehen aus unterschiedlichem Holze. Lodur gibt Ihnen Form (Körper), Hönir Bewegungsvermögen und Verstand (Seele) und Odin belebt sie mit dem Atem (Od oder Odem = Geist) und bringt so das göttliche Werk in Gang.

Odin trägt gleich dem römische Hauptgott Merkur als einziger unter den Asen einen Hut. Er kann somit Gegensätze "unter einen Hut bringen". Odin regt die Menschen ständig zur Auseinandersetzung, ja zum Kampf an, um deren Entwicklung zu fördern. Für die stetige Entwicklung zwischen den Kräften der Ordnung und den Kräften des Chaos benötigt er hochentwickelte Menschen.

Die drei Riesenmädchen, dien Walküre Gudr (Kampf), Rotta (Unordnung) und Skuld (Schuld, Zukunft) entscheiden im Namen Odins darüber, wer fällt und wer als Sieger gekürt wird. In jener Zeit war das dritte AWF das höchste, das voll entwickelt werden konnte. Die AWF der Männer, die ihre Angst überwanden und nach tapferen Kampf mit dem Schwert starben, konnten in ein höheres Energieniveau (Walhalla) aufsteigen und Odin helfen. Wer aber den "Strohtod" starb, mußte nach Niflheim, ins Totenreich mit den Aspekten Hunger, Gift, Kummer, Elend.

Odin bringt den Menschen viele nützliche Dinge bei (unsere Inspiration und Intuition). Es ist überliefert, daß Odin mit Menschenfrauen, Kinder zeugte, welche über besondere Fähigkeiten oder Kenntnisse verfügen (dies bildet eine Analogie zu Jesus als Sohn eines Gottes).

Odins Frau Frigg ist als Wolken- und Erdgöttin die Königin der Asen. Odins Geliebte ist Freya, eine Wanengöttin. Nach ihr wurde der Freitag benannt. Die Herkunft der matriachalisch orientierten Wanen (die Lichten) liegt im Dunkeln. Die Wanen waren freundliche Götter, die Wetter, Ackerbau, Viehzucht und Wachstum beeinflußten.

19 Eine Esche weiß ich stehen, sie heißt Yggdrasill:
Ein hoher Baum, mit glänzenden Naß begossen,
Von da kommen die Tautropfen, die in die Täler fallen,
Er steht immer grün über dem Urdarbrunnen.

20 Von da kommen Mädchen, vielwissende,
Drei aus dem Saal (See), der unter dem Wipfel steht.
Urd nannten sie die eine, die andre Werdani,
- sie schnitten ins Scheit ein - Skuld die dritte.
Sie setzten die Satzungen, sie erkoren das Leben
Den Kindern der Menschen, das Schicksal der Männer.

In der Mitte der Welt steht die riesige, immergrüne Weltenesche Yggdrasill, der Maßbaum, der das Weltall stützt.

Priester halfen Probleme durch die Kunst des Zauberns (z.B. Heilen und Weissagen) zu lösen. Sie wurden bei den Kelten "Druiden", bei den Germanen "Freund" oder "Liebling" genannt. Teilweise arbeiteten sie mit "weisen Frauen" zusammen. Neben diesen waren auch "schwarze Frauen" bekannt, die ihre Zauberkunst als schwarze Magie ausübten, um Schaden zu stiften.

Durch Auseinandersetzungen zwischen den Asen und den Wanen bei der Verteilung von Opfern, in deren Verlauf es zu Zerstörungen kam, erwachten die Untugenden Lust, Gier, Neid, Mißgunst und Machtgelüste auch bei den Göttern. Als Folge (Ursache / Wirkung) entsteht das Schicksal (Karma), welches in Form des Schicksalsbaumes beschrieben wird: In der Nähe des Urdarbrunnens befindet sich das Thing, der Rats- und Gerichtsplatz der Asen. Der Gott des Thing und des Krieges ist Tiu (auch Tiwaz, Tyr). Nach ihm ist der Dienstag (Tiusdag) benannt. Hier steht auch die Halle, in der drei Nornen (Schicksalsgöttinen) wohnen. Sie heißen Urd (Vergangenheit), die als die vornehmste gilt, Werandi (Gegenwart) und Skuld (Zukunft).

Ganz oben in der Krone sitzt der Adler Orn (der Vielwissende) und hält Ausschau nach Feinden. Das Eichhörnchen Ratatoskr rennt an der Esche Iggdrasill auf und ab. Oben vernimmt es des Adlers Worte, unten die von Nidhögger, dem Drachen. Es hetzt beide durch seine bösartige Doppelzüngigkeit gegeneinander auf. Damit sind die Auseinandersetzung zwischen dem äußeren Ich, dem Intellekt, und der inneren Weisheit, der Intelligenz gemeint. Der Stamm drückt nach dem Universal-Prinzip die Verbindung (Polachse) zwischen dem Unter-, Wach- und dem Überbewußtsein aus.

Schließlich werden die Wanen nach den Machtkämpfen von den Asen in ihren Kreis aufgenommen und die Opfer geteilt. In gleicher Weise entstand aus der Vereinigung der Megalithgräber- und der Streitaxtkultur auf der Ebene der Menschen das Volk der Germanen und Kelten, zwischen denen es offenbar nach neusten Erkenntnissen keine wesentlichen Unterschiede gab.

Aus der Verbindung der erdgebundenen Wanen (Yin) mit den himmelsorientierten Asen (Yang) entstand der weise Kwasir, der eine neue Entwicklungsstufe symbolisiert. Auch die Menschen konnten einen "Entwicklungssprung" vollziehen. Bisher wurde das Leben von egozentrischem Verstand, Instinkten und Trieben (3. AWF) geleitet. Nun bahnt sich durch die Ausdehnung vom Ich- zum Wir-Bewußtsein (4. AWF) eine höhere Stufe übergreifenden Wissens an. Aus dem neuen Wissen folgt das Ge-Wissen, die eigene oberste Instanz, die das Verhältnis zwischen äußerem Tun und innerem Wissen anzeigt. Wenn die Tat mit dem Wissen übereinstimmt, entsteht ein gutes Gewissen. Fügt man aus Eigennutz anderen (auch Tieren und Pflanzen) Schaden zu, folgt ein schlechtes Gewissen mit Belastung (Verdichtung, Absenkung des Energieniveaus). Die natürliche Entwicklung wird solange gehemmt, bis dies ausgeglichen wird.

Loki, Sohn der Riesen, war eines Tages nach Asgard gekommen und hat den Asen mehrmals mit Geschick und List geholfen. Obwohl er selbst oft die Ursache verschiedener Probleme war, erwarb er das Vertrauen Odins, der ihn zu seinem Blutsbruder machte.

Beim Wiederaufbau von Asgard ergaben sich weitere Konflikte wodurch sich die Feindschaft zwischen Riesen und Asen vertiefte.
Die Wölfa sah in den weiteren Strophen kommendes Unheil voraus, sah den wilden Ritt der Walküren, sah Krieg auf allen Ebenen der Welt, in Midgard, Utgard und Asgard. Sie sah den Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen voraus:

31 Ich sah die Walküren weither kommen,
Fertig zum Ritt ins Heldenvolk.
Skuld hielt den Schild, Skögul war die andre,
Gudr, Hildr, Göndul und Geirskögul.
Nun sind gezählt die Mädchen Herjans (Odins),
Die Walküren fertig zum Ritt auf die Erde.

Auch Baldur, der von allen geliebte Gott des Lichtes, Sohn von Odin und Frigg, sieht eines Tages seinen Tod und den Untergang Asgards voraus. Durch eine List Lokis tötet Hödur seinen Bruder Baldur. Die Wölva sieht Waffen aus dem Osten kommen, sieht den Goldsaal der Zwerge, den Biersaal des Riesen und den Saal der Totengöttin Hel im Norden.

40 Ostwärts saß die Alte
Und gebar Fenris Gezücht.
Es wird von allen vornehmlich ein Gewisser
Des Gestirns Verschlinger in Unholdsgewande.

41 Er füllt sich mit dem Fleische getöteter Männer,
Er rötet der Götter Sitz mit rotem Blute.
Schwarz werden die Sonnenscheine die folgenden Sommer über,
Die Wetter werden alle übelgesinnt. Wißt ihr noch weiteres?

Loki hatte mit einer Riesin drei Ungeheuer gezeugt, Hel, die Midgardschlange (vgl. australische Regenbogenschlange, mexikanische Federschlange)und den Fenriswolf.

Und in der Prosaedda heißt es:

"Da treibt Schnee aus allen Ecken, großer Frost ist da und scharfe Winde, und die Sonne nützt nichts. Da fahren drei Winter zusammen, und ist kein Sommer dazwischen:"

Das Chaos deutet sich durch drei harte aufeinanderfolgende Winter an. Die von den Asen geschaffene Ordnung in der Natur wird zum Gegenteil gewendet. Nun sind die Götter mit Odin an der Spitze gefordert, dem Unheil zu begegen. Odin beherrscht alle Formen der Kunst des Zaubers wie kein anderer. Überliefert sind u.a. die Mersburger Zaubersprüche. Die Wölfa berichtet weiter:

45 Brüder werden sich schlagen und einander zu Tötern werden
Schwesterkinder werden die Sippe brechen
Arg ist es in der Welt: großer Ehebruch,
Beilalter, Schwertalter, Schilde werden zerspalten,
Windalter, Wolfsalter, bevor die Welt zusammenstürzt,
Kein Mensch wird des anderen schonen.

52 Sutr fährt von Süden her mit den Reiserverderbern:
Es glänzt von dem Schwerte die Sonne der Schlachtgötter.
Steinberge schlagen zusammen, aber die Bergriesinnen stürzen.
Die Männer betreten den Helweg, aber der Himmel spaltet sich.

57 Die Sonne beginnt zu verfinstern; die Erde sinkt ins Meer,
Es fallen vom Himmel die Sterne,
Es rast Dampf und Feuer;
Es spielt die hohe Hitze bis zum Himmel selbst.

Damit sieht sie Ragna-rök (Götterdämmerung) voraus. Odin weiß, daß der bevorstehende Kampf sehr schwer wird, daher wappnet er sich noch intensiver. Um sich und den Seinen mehr Wissen zu erschließen und die Geheimnisse des Lebens zu ergründen, bringt er durch drei Opfer unter Einsatz seines Lebens die Weiterentwicklung seiner selbst sowie aller Kräfte der Ordnung gewaltig voran:

Erstes Opfer: Er wird zum Seher und Propheten, indem er dem Riesen Mimir ein Auge als Pfand opfert, darf er aus dem Mimisbrunnen das Wasser der Weisheit trinken.
Zweites Opfer: Er erschließt das geheime Wissen der Runen, indem er sich wie zu einer schamanischen Initiation verkehrt herum selbst an die Weltenesche Ygdrasill hängt und sich mit dem Speer selbst verwundet.
Drittes Opfer: Er erringt im Kampf den Skaldenmet, durch dessen maßvollen Genuß man Dichter oder Gelehrter wird. Er verschenkt ihn an Asen und die Menschen, die ihn darum bitten.
Odin beschrieb dies folgendermaßen:

Ich weiß, dass ich hing am windbewegten Baum
neun Nächte hindurch,
Verwundet vom Speer, geweiht dem Odin,
Ich selber mir selbst,
An dem mächtigen Baum, von dem Menschen nicht wissen,
aus welchen Wurzeln er sproß.

Sie boten mir nicht Brot noch Met;
Da neigt' ich mich nieder,
Ächzend hob ich, hob aufwärts die Runen,
Zu Boden fiel ich alsbald.
Beslas Bruder, des Bölthorns Sohn,
Lehrte mich wirksamer Weisen neun,
Und den Trank erlangt ich des trefflichen Mets
Aus Odhörir Inhalt geschöpft.

Zu gedeihen begann ich und begann zu denken,
wuchs und fühlte mich wohl.
Wort aus Wort verlieh mir das Wort
Werk aus Werk verlieh mir das Werk.

Durch diese Initiation Weise ergründete Odin das Geheimnis der Runen und gelangte mit Hilfe von neun Weisen (Zauberlieder) in den Besitz des Mets und ihm gelingt der gewaltige Schritt zur Allweisheit. Der Begriff "wuchs" bezieht sich nach dem Universal-Prinzip auf die Entfaltung eines neuen AWF. Odin hatte sich vom Gott der Naturkräfte zum Gott der Toten, der Jäger, der Krieger, des Zaubers bis hin zum Gott der Dichter und Gelehrten entwickelt. Als Vorreiter menschlichen Entwicklungsstrebens macht er sein Wissen auf geeignete Weise stets den Menschen zugänglich. Auch die Kreuzigung von Jesus war eine Initiation.

Odin hat nun Bewußtseinsebenen erreicht, in denen er voraussieht, daß der Kampf der Götter und der Kräfte der Ordnung und des Aufbaus gegen die Riesen und die Kräfte des Chaos und der Zerstörung nicht gewonnen werden kann. Er und die Seinen werden aber dennoch bis zuletzt kämpfen, um so viel wie möglich Ordnendes zu bewahren. Odin sieht aber noch weiter. Er flüstert seinem Sohn Baldur vor dessem Tode ins Ohr, daß dieser nach der Götterdämmerung in einer schöneren Welt wiederauferstehen wird.

Dann beginnt der Endkampf. Odin stellt sich an der Spitze seiner Schar dem Fenriswolf und unterliegt nach langem Kampf. Sein Sohn Vidar rächt ihn sogleich und tötet den Wolf. Thor kann zwar die Midgardschlange besiegen, stirbt aber kurz darauf an dem Gift, das diese ihm beim Kampf zufügte. Die Wölfa berichtet weiter:

59 Sie sieht aufsteigen zum anderen Male
Die Erde aus dem Meer frisch und grün.
Sturzbäche fallen: der Adler fliegt darüber,
Der auf dem Gebirge Fische jagt.

60 Es finden sich die Asen auf dem Idafelde
Und reden vom mächtigen Erdumspanner
Und gedenken da der großen Ereignisse
Und Fimbultys alter Runen

61 Da werden wieder die wundersamen
Goldenen Bretter im Gras sich finden,
Die sie vor Zeiten gehabt hatten.

62 Ungesät werden die Äcker tragen,
Alles Übels Besserung wird werden; Balder wird kommen.
Höder und Balder bewohnen Hropts Siegeshallen,
Herrlich die Schlachtgötter. Wißt ihr noch weiteres?

Die gewaltige Katastrophe wird nach der Völuspa nicht zum Untergang der Welt führen (im Gegensatz zur Appokalypse, die das Christentum erwartet). Die Erde wird frisch und grün aus dem Meer aufsteigen und die Götter kehren zurück.

Die Völuspa beschreibt das Chaos, das nach dem Universal-Prinzip bei jedem Übergang in ein neues AWF entsteht. Nach der anfänglichen Chaosphase (Wellental, Yin) folgt eine Ordnungsphase (Wellenberg, Yang), die zu einem mittleren Gleichgewichtszustand führt (Bild 48). Dieser bildet wiederum die Grundlage für den Sprung ins nächste AWF. Aus dem Grund kann keine der beiden Seiten obsiegen.

Die Asen verkörpern neben Ordnung, Yang auch Licht, die Riesen dagegen Nacht. Ähnlich dem chinesischen Yin / Yang-Zeichen trägt jede Qualität eines Zyklusses den Samen des auf sie folgenden Zyklusses bereits in sich.

Außerdem enthält die Völuspa eine Darstellung des Wunders aufeinander folgender Inkarnationen. Baldur (Balder), der Gott des Lichtes ist wieder auferstanden. Er hat im griechischen Dionysos eine Entsprechung. Es ist wahrscheinlich, daß auch Odin nicht tot ist, sondern mit den Asen in der Phase der Nacht in einer anderen Ebene weilte, vergleichbar mit unserem Schlaf. Dabei konnte er die Erfahrungen verarbeiten und sich weiterentwickeln, neue Aspekte dazugewinnen. Vielleicht erhält er nach jedem Entwicklungssprung auch einen weiteren Namen. Odin und die Seinen kehren als Kräfte der Ordnung immer dann zurück, wenn die Riesen als Kräfte des Chaos wirkten. Die Entwicklung der Götter und Riesen ist untrennbar mit der menschlichen Entwicklung verknüpft.

Die Gestalten, die in der Völuspa geschildert werden, widerspiegeln deutlich die ständige Entwicklung in Zusammenspiel und Auseinandersetzung von geistigen, seelischen und körperlichen Aspekten. Das Beispiel Odins und seines Gegenspielers.

Loki zeigt folgende überaus interessante Gesichtspunkte: Loki verkörpert den Verstand. Sein Intellekt ist für die schnelle taktische Aktion im Außen angelegt. Er ist kreativ, aber unbesonnen und kann spontan Probleme des Augenblicks lösen, jedoch auf längere Sicht gesehen wirken seine Handlungen oft nachteilig.

Odin hingegen repräsentiert die Weisheit. Seine Intelligenz ist auf langfristige Strategie ausgerichtet. Dies erfordert Nachdenken und Abwägen mit allen inneren Erfahrungen. Für diese zukunftsweisenden Überlegungen, die den Interessen aller Beteiligten dienen, braucht er Zeit, rasche Entscheidungen sind nicht seine Stärke.

Loki bringt durch seinen Witz und seine spontanen Einfälle Abwechslung in den Alltag der Asen, jedoch übersteigert er dies nicht selten bis hin zur Kränkung. Da er die Folgen seiner Handlungen oft nicht absehen kann, kommt es immer wieder zu Spannungen oder zu schier aussichtslosen Situationen. Durch seinen Einfallsreichtum gelingt es ihm jedoch meist, sich durch verblüffende Lösungen aus der Affäre zu ziehen.

Eines Tages hatte er der Versuchung nicht widerstehen können und das wunderschöne lange Haar von Sif abgeschnitten. Thor, Sif's Mann, wollte ihn sogleich verprügeln, da schwor er, Sif goldenes Haar wachsen zu lassen. Bei den für ihr handwerkliches Können bekannten Erdzwergen (Schwarzalben) ließ er außer Sif's Haar noch ein Schiff herstellen, das unabhängig von der Windrichtung immer fahren konnte und das man zusammengefaltet in die Tasche stecken konnte sowie einen Speer, der im Flug niemals halt machte. Loki selbst war von diesen Wunderdingen so begeistert, daß er sofort noch mehr wollte. Er wettete um seinem Kopf, daß Sindri, der ebenso begabte Bruder Brokk's, keine ebenbürtigen Kleinode herstellen könne. Sindri fertigte einen Eber, der bei Tag und Nacht schneller als jedes Roß war, der über das Wasser und durch die Luft laufen konnte und dessen goldene Borsten immer genug Licht abgaben. Als zweites entstand ein Hammer, der nie sein Ziel verfehlte und immer zu seinem Besitzer zurückkehrte. Als drittes schuf er einen Ring, der in jeder Nacht acht weitere Ringe erzeugte.

Die Asen Odin, Thor und Freyr hatten über die Wette zu entscheiden. Sie verteilten die Wunderdinge, Sif bekam das goldene Haar, Odin den Speer und den Ring, Freyr das Schiff und den Eber, Thor den Hammer. Den Hammer bestimmten die Asen als das beste Wunderding, da er gut gegen die Riesen eingesetzt werden konnte. So hatte Loki seine Wette verloren. Durch List und Tücke gelang es ihm aber erneut, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen.

Damit wurden einige der technischen Leistungen unserer Zeit vorausgesehen und nach damaligen Verständnis beschrieben. Es sind die "Wunderdinge", durch die wir von den wechselhaften Naturkräften unabhängiger wurden und mit denen wir uns das Leben angenehmer machen:

"Ein Schiff, das unabhängig von Wind fahren kann"
"Ein Verkehrsmittel, das sich sehr schnell über das Wasser und durch die Luft bewegen kann und selbst Licht erzeugt"
"Eine Waffe, die man beliebig oft abfeuern kann und die nie ihr Ziel verfehlt"

Lokis Wesen ist schwer zu deuten. Sein Name wurde als logi = Lohe = Feuer, luka = schließen oder lok = Zerstörer gedeutet. Er ist der Gott des Elementes Feuer. Insofern bildet er die Ergänzung zu Odin, dem Gott des Elementes Luft, und Hönir, den Gott des Elementes Wasser. Wegen seines Erfindungsreichtums und seiner Kreativität trägt er wie der Zwergenkönig Alberich unverkennbar den Aspekt der Technik. Aber aufgrund seiner unbeherrschten Gier nach immer neuen "highlights" verwettet er seinen Kopf. Aus den genannten Gründen erscheint die Bedeutung "logos" zutreffend - Wissen, doch keine Weisheit.

"Der Verstand ist zwar ein ausgezeichnter Diener, aber hüte dich davor, ihn zum Meister werden zu lassen."

Loki ist eitel und schnell verletzbar. In die Enge getrieben, beginnt er geschickt zu lügen, so daß es nicht jeder merkt. Überläßt man ihm die Initiative, beginnt das Chaos. Loki wird auch als Vorläufer von Goethes Mephisto gesehen, der als Teufel des Mittelalters fortlebt. Loki verursacht schließlich fast einen Weltuntergang, bringt dadurch jedoch die Entwicklung der Welt voran!

Hieraus ergibt sich für unsere westliche Technik-Gesellschaft eine ganz entscheidende Lehre: Der Trend zur technischen Weiterentwicklung ist nicht aufzuhalten, nur sollten wir ihn steuern. Wir haben längst erkannt, daß uns die einseitig materiell orientierte Wohlstandswelt über den Kopf wächst. Die Technik wandelt sich vom einstigen Segensbringer durch globale Umweltzerstörung zum Fluch der Gesellschaft. Darüber hinaus führt die ungehemmte Gier nach Geld und Macht über falschverstandene Rationalisierung durch menschenleeren Automatenfabriken zur Massenarbeitslosigkeit. Die Lage ist ernst, die Politik kann keine Alternativen aufzeigen, die Bilanz der vergangenen "fetten" Jahre bestehen in einer gigantischen Staatsverschuldung und Orientierungslosigkeit.

Das Streben nach schnellem Erfolg, Macht und Geld widerspiegelt unverkennbar den legendären Loki. Das Beispiel Loki zeigt überdeutlich, wie wir uns und unserer Welt mit einseitigen Technik- und Geldhörigkeit großen Schaden zufügen, indem wir unsere Lebensgrundlage zerstören.

Odin gab uns als Vorreiter unserer Entwicklung die Möglichkeit, Dichter und Gelehrte hervorzubringen. Dies geschah auch, wie unsere jüngere Geschichte beweist. Gemeinsam mit den Naturkräften durchlaufen wir allerdings ständig Entwicklungen, die wiederum neue Aspekte hervorbringen. Eine gesunde Weiterentwicklung erfordert stets ein neues Gleichgewicht.

Als Menschen können wir Zugang zur Weisheit finden, unsere Fähigkeiten mit den gegebenen Möglichkeiten bündeln und vereinen. Beachten wir die Folgen der Technik weitsichtig, kann diese zum Segen werden, indem diese zum Wohle der Natur wirkt, zu der auch wir gehören und die uns hervorgebracht hat.

Die Zukunft ist immer aus Zusammenhängen der Vergangenheit begründet.

 

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